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Frauenbibliotheken, Lesbenbibliotheken, Genderbibliotheken

Einleitung

Frauen sind in Deutschland eine Minderheit von 51%! Mit ihren Interessen und Bedürfnissen sind Frauen (und Mädchen) eine beachtliche Gruppe in der Bibliothekslandschaft, als Autorinnen, als Leserinnen und vor allem als Mitarbeiterinnen in Bibliotheken.

Die Deutsche Bibliotheksstatistik erhebt bisher keine geschlechtsspezifischen Daten, obwohl  die Gender Mainstreaming-Strategie dazu verpflichtet: Mit ihrem Kabinettbeschluss vom 23. Juni 1999 schuf die Bundesregierung die politische Voraussetzung für die Einführung von Gender Mainstreaming als ein durchgängiges Leitprinzip des Verwaltungshandelns. Seit 2000 verpflichtet § 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien (GGO) zur Beachtung des Gleichstellungszieles bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen. Seitdem wurde begonnen, die GM-Strategie auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene durchzusetzen. (Quelle)

Die aktuelle Studie der Stiftung Lesen von 2008 offenbart, dass Frauen häufiger als Männer die Bibliotheken nutzen (im Verhältnis von ca. 60:40). Die Studie listet unter denen, die Medien lieben, auf: Frauen lesen mehr Romane, Erzählungen oder Gedichte (42%; Männer=19%) und auch mehr Sach- und Fachbücher (40%) als Männer (38%). Männer wiederum nutzen mehr elektronische Medien, aber unter denen, die viele verschiedene Medien nutzen, liegen junge, gebildete Frauen vorn.

Die Frauen-/Lesben-/Genderbibliotheken existieren seit den 1970er Jahren. Sie wurden gegründet, weil - und existieren solange bis - die androzentrische Grundlage der Bibliotheksarbeit überwunden ist.

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Kurze Geschichte der Frauenbibliotheken

Damen- oder Frauenbibliotheken gibt es bereits seit Jahrhunderten (auch wenn sie in Werken zur Bibliotheksgeschichte kaum erwähnt werden). Wie in den Frauenklöstern der Neuzeit waren diese Bibliotheken zunächst nur speziellen Gruppen von Frauen vorbehalten und ließen sie teilhaben am gesammelten Wissen der Männer.

Erst die Aktivistinnen der Ersten (oder Alten) Frauenbewegung gründeten Mitte des 19. Jahrhunderts spezielle Frauenbibliotheken mit dem Ziel, alles für die tägliche Bildungsarbeit und für die Zukunft zu sammeln, „was Deutschland und das Ausland an bedeutenden Leistungen auf dem Gebiet der Frauenfrage hervorgebracht haben“ (Marie Lischnewska, 1895). Bereits 1866 gründete der Leipziger Frauenbildungsverein seine Bibliothek für Frauen – zur unentgeltlichen Benutzung für die Arbeiterinnen und die Schülerinnen seiner Sonntagsschule. 1909 besaßen von den 4.212 Ortsvereinen des „Bundes Deutscher Frauenvereine“ 490 eine eigene Bibliothek oder Lesehalle. Vor allem aus finanziellen Gründen mussten diese Bibliotheken aufgeben. Ihre Sammlungen wurden aufgelöst, verschwanden oder gingen an andere Bibliotheken, wie z.B. der Bestand des Vereins „Frauenwohl“ 1909 an die Berliner Stadtbibliothek. Bücher der ersten Frauenvereinsbibliothek in Leipzig – deren Wege und Verbleib noch gründlich zu erforschen sind –  befinden sich heute u.a. in der Bibliothek des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes in Berlin.

Die Neue Frauenbewegung gründete ab Mitte der 1970er Jahre autonome Frauenbibliotheken und –archive bewusst außerhalb der herrschenden Strukturen. Sie konstatierte, dass Werke und Dokumente von und über Frauen nicht systematisch gesammelt und nicht sachgerecht klassifiziert und verschlagwortet werden (K. Schatzberg, 1986). Aus dieser Bewegung entstanden auch erste feministische und Frauenforschungszentren an Hochschulen, die schließlich ab Mitte der 1990er Jahre zur Gründung der ersten Studiengänge für Geschlechterforschung führten. Für die Literaturversorgung dieser Studiengänge sind die Hochschulbibliotheken zuständig, die aufgrund der vorherrschenden patriarchalen Systematiken an ihre Grenzen stoßen.

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Struktur und Organisation

ida-Dachverband

Die in Deutschland existierenden Frauen-, Lesben- und Genderbibliotheken widerspiegeln das gesamte Spektrum der Bibliothekslandschaft. Es gibt Bibliotheken von Frauenarchiven und -vereinen, von Frauenbildungszentren, an Universitäten und Hochschulen sowie von Ländern und Kommunen unterstützte. Es gibt wissenschaftliche und öffentliche Frauenbibliotheken, regionale und spezifische Lesbenbibliotheken. Eine Besonderheit besteht darin, dass sowohl die Archive als auch Bibliotheken keine klassische Form vorweisen, sondern meist in der Einheit von Archiv, Bibliothek und Information/Dokumentation funktionieren.

Bereits ab 1984 trafen sich die Frauenarchive und –bibliotheken zu regelmäßigen Fachtagungen. Daraus ging 1993 der Dachverband der deutschsprachigen Frauen-/Lesbenarchive, -bibliotheken und -Informations- und Dokumentationsstellen hervor (i.d.a. – informieren, dokumentieren, archivieren). In diesem Netzwerk arbeiten heute ca. 50 Einrichtungen aus der BRD, Österreich, Luxemburg, der Schweiz und Italien zusammen, davon ca. 35 aus Deutschland.

Die meisten Frauenbibliotheken arbeiten mit qualifiziertem Personal und dazu vielen Ehrenamtlichen; fast alle leiden unter fehlender oder unzureichender finanzieller Unterstützung durch Bund, Land und Kommune und sind deshalb auf Vereinsmittel, Gebühren und Sponsoring angewiesen.

Viele Spezialistinnen der Frauenbibliotheken sind in bibliothekarischen Fachverbänden und Arbeitsgemeinschaften aktiv.

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Sammelschwerpunkte

Frauenarchive und -bibliotheken sammeln, erschließen und präsentieren Medien zu allen wichtigen Themenbereichen der Frauenbewegung und Frauenforschung, des Feminismus und der Geschlechterstudien. In den einzelnen Einrichtungen gibt es regionale, nutzerinnenspezifische oder wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte und Spezialisierungen.

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Serviceleistungen

  • Online-Bibliotheksrecherchen
  • Kopienbestellung
  • Archiv-Datenbanken
  • Rechercheservice
  • Expertinnen-Datenbanken
  • Publikationen
  • Mitarbeit an der ZDB:
    Im Jahr 2000 vereinbarte der Dachverband "i.d.a." mit der Zentralen Zeitschriftendatenbank (ZDB), verwaltet von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin, die Zeitschriftenbestände der frauenspezifischen Einrichtungen in dieser Datenbank für die allgemeine Öffentlichkeit bereitzustellen. Zurzeit sind die i.d.a.-Einrichtungen mit 3.397 Bestandsdatensätzen zu feministischen, Frauen- und Gender-Zeitschriften in der ZDB vertreten.
  • Bildungsarbeit
  • Veranstaltungen
  • Fernleihe

Die meisten Frauenbibliotheken sind öffentlich zugänglich und werden von Forschung, Medien, Politik und der Öffentlichkeit genutzt. Alle Geschlechter sind willkommen. Es finden aber auch Veranstaltungen speziell für Frauen, Mädchen, Lesben und Transgender statt.

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Netzwerkarbeit

International

Viele Frauenbibliotheken arbeiten seit ihren Anfängen mit Frauenbibliotheken im Ausland zusammen und sind in der internationalen Datenbank Mapping the World vertreten.

Neben der internationalen Zusammenarbeit mit den im Dachverband i.d.a. vertretenen Einrichtungen sind viele im Netzwerk Women Information Network Europe (WINE) organisiert. Dieses Netzwerk umfasst bisher ca. 50 Einrichtungen, die mit einem eigenen Weblog Informationen austauschen können.

Kürzlich wurde der Kontakt zur Frauengruppe der IFLA neu aufgenommen und soll über das Netzwerk WINE verstärkt werden.

Regional

Hier arbeiten einige Mitarbeiterinnen aus Frauenbibliotheken in den Bibliotheksverbänden und –verbünden oder auch in speziellen Arbeitsgruppen aktiv mit, wie z.B. im Arbeitskreis One-Person-Libraries, im Hessischen Bibliotheksverbund etc.

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Kritik am Bibliothekssystem

Systematiken und Klassifizierungen

Frauen- und Geschlechterforscherinnen kritisieren seit den 1970er Jahren, dass ihre Literatur in den Bibliotheken nicht gleichwertig erworben und sachgerecht verschlagwortet und systematisiert wird.

Deshalb entstanden ihre Spezialbibliotheken zunächst außerhalb universitärer Strukturen.

In dem Maße, wie sich die Frauen- und Geschlechterforschung an den Universitäten selbst etablieren konnte, besonders seit in den 1990er Jahren auch erste Studiengänge für Geschlechterforschung entstanden, sind auch Universitätsbibliotheken in der Pflicht, die Studiengänge mit Literatur zu versorgen. Immer häufiger sprengt die zu erwerbende Literatur der Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung die vorgegebene androzentrische Struktur der Klassifikationen.

Besonders deutlich wird das am Themenspektrum von Titeln, die in die Systematikgruppe MS 3000 der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) in Ermanglung eigener Systemstellen eingeordnet werden muss. Literatur über Frauen im Krieg, in der Musik, im Islam, über Frauenförderung und die Sprache von Frauen, über Schönheit und Matriarchat finden sich alle unter einer Signatur, nämlich unter MS „Spezielle Soziologien“ – „Soziologie der Frau“ – „Frau, allgemein“. Es gibt auch eine Systemstelle „Soziologie des Mannes (Männerbünde, Männerkultur)“ (MS 2950), die ca. achtmal weniger Titel umfasst.

Damit beweist z.B. der gedankliche Aufbau der Systematik, dass der Mann als das Allgemeine und die Frau als das Abgeleitete, Spezielle betrachtet wird, auch in Systematiken der Öffentlichen Bibliotheken. Eine geschlechtergerechte Überarbeitung ist zusammen mit der Geschlechterforschung dringend notwendig.  In letzter Zeit werden immer häufiger Vorschläge für neue Systemstellen eingereicht und bestätigt, z.B. Systemstellen „Gender“ von den Fachreferaten Theologie, Philosophie, Psychologie, Philologie oder Literaturwissenschaft in der RVK, weil der Bestand es quantitativ verlangt.

Geschlechtergerechte Sprache

Bibliotheken leben vom gedruckten Wort. Sie benutzen Sprache, um Medien zu systematisieren und inhaltlich zu erfassen. Sie schaffen Klassifizierungen und Normdateien.

Sprache als ein gesellschaftliches und damit historisches Produkt bildet gesellschaftliche Strukturen ab. Die geschriebene Geschichte ist eine patriarchalisch geprägte Geschichte. Mit einem langen Beharrungseffekt zeigt sich das in der Sprache.

Bereits seit den 1970er Jahren kritisieren die feministische Linguistik die Sexismen im Sprachsystem und Sprachgebrauch und die Spezialistinnen der Frauenbibliotheken die sprachliche Unsichtbarkeit von Frauen in den Normdateien sowie die androzentrische Grundlage der Klassifizierungen in den Bibliotheken.

1980 wurden die ersten deutschen Richtlinien für einen nicht-sexistischen Sprachgebrauch veröffentlicht. 1991/92 scheiterte die von Dagmar Jank ins Leben gerufene Diskussion um die Vorschläge zur Veränderung der Regeln für den Schlagwortkatalog und die Schlagwortnormdatei. Von ihren damals kritisierten Beispielen sind die meisten auch heute noch kritikwürdig.
So gibt es bis heute zum Schlagwort „Arbeitslosigkeit“ die Zuordnungen „Frau / Jugendlicher / Lehrer“, es gibt „Frauenarbeitslosigkeit“, aber nicht „Männerarbeitslosigkeit“. Es gibt eine Gleichstellungsbeauftragte, und zwar nur weiblich. Es fehlt auch weiterhin das Schlagwort „misshandelter Mann“; „Misshandlung“ existiert nur im Zusammenhang mit „Alter / Frau / Kind“ usw.

Als „Gegenmodell“ existieren in Frauenbibliotheken eigene Schlagwortdateien sowie einzelne Frauenthesauri (auch international). Sie heben die Lücken hervor, die in den traditionellen Normdateien noch existieren und auf einer geschlechtergerechten oder universellen Grundlage gefüllt werden müssen.

Feminisierter Bereich

Mit der einsetzenden Berufstätigkeit von Frauen ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Arbeit und Ausbildung in der Bibliothek um die Jahrhundertwende auch zu einem Beruf für Frauen. 

Inzwischen arbeiten in Bibliotheken hauptsächlich Frauen, auch auf allen Ebenen, aber dort keinesfalls in einer gleichberechtigten Verteilung. Insofern ist die Bibliothek empirisch gesehen ein feminisierter Bereich. Der Begriff „Feminisierung“  wird (heute) hauptsächlich dafür verwendet, statistische Anteile von Frauen in einzelnen Berufen  oder an Entwicklungstendenzen bestimmter Bereiche oder Prozesse zu bezeichnen (z.B. Sprachverhalten, Armut, Globalisierung, Organisationen).

Wegen der immer noch existierenden patriarchalen Herrschaftsordnung schließt dieser Begriff negative Aspekte ein, wie die Diskriminierung von Frauen in bestimmten Bereichen oder die Entgeltungleichheit. Auch hier konnten Forderungen und Forschungsergebnisse der 1990er Jahre bisher nicht umgesetzt werden. Die von der ÖTV Hessen 1998 herausgegebene Broschüre „Frauen in Bibliotheken melden sich zu Wort“ zeigt in mehreren Fachbeiträgen die unendliche Geschichte zur Reform der Tarifbestimmungen für Angestellte in Bibliotheken.

Weitere Diskussionsstränge unter dem Aspekt, dass die Arbeit in Bibliotheken ein feminisierter Bereich ist, betreffen das Bild der typischen Bibliothekarin  und die Aussage, dass Frauen mehr und anders lesen, was viel genauer als bisher zu analysieren ist.

Gender Mainstreaming

Die Gender Mainstreaming-Strategie hat bisher wenige Bibliotheken erreicht und noch keine nachhaltigen Ergebnisse in Bezug auf Bibliotheken und das dort arbeitende Personal gebracht.

Der zentrale Gedanke ist, dass mit dem Genderbegriff ein strukturelles, ein hierarchisches Verhältnis zwischen den Geschlechtern abgebildet wird.

Gender Mainstreaming soll bewirken, dass dieses hierarchische Verhältnis und damit die strukturelle Benachteilung aufgehoben wird, indem alle Veränderungen aus der Geschlechterperspektive vorgenommen werden. Dabei geht es z.B. um Schlussfolgerungen aus der Gender-Analyse des Ausleihverhaltens, des Bestandes und auch der dort Arbeitenden, damit die Kernaufgaben der jeweiligen Bibliothek effizienter und mit größerer Wirkung erfüllt werden können.

Erste Praxisberichte dazu liefern z.B. die Helene-Nathan-Bezirksbibliothek Berlin-Neukölln sowie Bibliotheken in Berlin-Zehlendorf und Berlin-Lichtenberg.

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Literatur

  • Schatzberg, Karin: Frauenarchive und Frauenbibliotheken. Göttingen : Ed. Herodot, 1985. - 69 S. - (Göttinger Schriften zur Sprach- und Literaturwissenschaft : GöSSL-extra)
    ISBN: 3-88694-152-3
  • Jank, Dagmar: Die Nicht-Gleichbehandlung von Frauen und Männern in der Schlagwortnormdatei : ein Offener Brief. In: Bibliotheksdienst. Berlin 25(1991)9, S.1418-1421
  • Lüdtke, Helga (Hrsg.): Leidenschaft und Bildung : zur Geschichte der Frauenarbeit in Bibliotheken. - Berlin : Orlanda-Frauenverl., 1992. - 304 S. - (Der andere Blick)
    ISBN: 3-922166-79-2
  • Traditionell und virtuell. Frauenarchive und –bibliotheken (Themenheft). Ariadne : Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung. Kassel 14(1998)34. – 75 S.
  • Kraus, Karin ; Gumpert, Heike (Hrsg.): Frauen in Bibliotheken melden sich zu Wort. Frankfurt/M. : ÖTV Hessen, Bezirksfrauensekretariat, 1998. - 61 S. (Frauen wollen mehr ; 7)
  • Aleksander, Karin: Gesucht ... und gefunden? : Literatur der Frauen- und Geschlechterforschung in Bibliotheken. In: Bulletin / ZiF HU Berlin (Women’s Studies Collections in Bibliotheken). Berlin 10(1999)18, S. 1-25
  • Aleksander, Karin: Wie werden interdisziplinäre Gender-Studiengänge mit Literatur versorgt?
    In: Hauke, Petra (Hrsg.): Bibliothekswissenschaft - quo vadis? : eine Disziplin zwischen Traditionen und Visionen ; Programme, Modelle, Forschungsaufgaben. München : Saur, 2005. – S. 265-284
  • Aleksander, Karin: Gender in Bibliotheken. In: Genderfaktor : Macht oder neuer Dialog ; mit Genderblick auf Bibliotheken oder Bibliotheken im Genderblick. Berlin : Simon Verlag für Bibliothekswissen, 2010. S. 9-36  (ISBN: 978-3-940862-20-4; 26,00 EUR)

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