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Bibliotheken weltweit im Wandel

In der digitalen Welt ändern sich die Aufgaben für Bibliotheken dramatisch. Der Bestand an gedruckten Medien ist vielerorts rückläufig. Elektronische Publikationen sind immer stärker gefragt. Damit entstehen auch neue Ansprüche an die Architektur, an die rechtlichen Grundlagen und vieles mehr. Das zeigte der Weltkongress der Bibliotheken Ende August 2013 in Singapur.

Die vielen Regale in den großen, offenen Räumen sind gestaltet wie grüne Bäume. Hölzerne Pflanzen und Fantasietiere schmücken die Eingänge zwischen den einzelnen Abteilungen. Auf den bunten Fußböden suchen sich die Kinder kleine Farbinseln, auf denen sie sich gemeinsam hinhocken, um ihre Bücher anzusehen. Der Treehouse Library in Singapur sieht man schon auf den ersten Blick an, dass sie innovative Wege im Bibliotheksbau einschlägt. Ende Mai ist die Kinderbibliothek eröffnet worden und widmet sich einem zentralen Thema: der Nachhaltigkeit.

Von außen ist die Zentralbibliothek Singapurs ein monumentaler Bau in Glas- und Stahlarchitektur. Einzelne Fensterelemente ragen aus der Fassade hervor und bieten den Besuchern kleine Balkone - ein spektakulärer Platz des Sehens und Gesehenwerdens. Die Treehouse Library ist eine Abteilung, und hier schlägt die Architektur in ihr Gegenteil um. Sanfte runde Formen und warme Farben dominieren. Sie schaffen das passende Ambiente dafür, dass sich Kinder gern mit der Bewahrung der Natur auseinandersetzen.

„Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel für eines der großen Zukunftsthemen, die auf die Bibliotheken in aller Welt zukommen“, sagt Dr. Klaus Ulrich Werner. „Bibliotheken spielten schon immer eine zentrale Rolle beim Thema Nachhaltigkeit, sie erhalten und bewahren beispielsweise Wissen. Mit dem Ausleihprinzip schonen sie aber auch Ressourcen.“ Vielerorts rüsteten sie zudem ihre Gebäude unter Energiesparaspekten um. Da sei es nur konsequent, dass sie sich künftig auch explizit das Thema Nachhaltigkeit zu ihrer Aufgabe machten. Dr. Klaus Ulrich Werner ist Mitglied im Vorstand des Deutschen Bibliotheksverbands e.V. (dbv) und leitet in Berlin die Philologische Bibliothek der Freien Universität. Die Treehouse Library hat er vor wenigen Wochen erst besichtigt.

Eine ganz spezielle Atmosphäre

Der diesjährige Weltkongress der Bibliotheken fand Ende August ebenfalls in Singapur statt. Thema des IFLA-Treffens (International Federation of Library Associations and Institutions) war die Zukunft der Bibliotheken. „Und da hat sich gezeigt, dass neben der Nachhaltigkeit noch viele weitere Aufgaben auf uns zukommen“, sagt Klaus Ulrich Werner.

Eine zum Beispiel wird noch stärker die Integration sein. „Gerade große Städte sind in aller Welt zunehmend durch Migration geprägt“, sagt Werner. „Da kommt den Bibliotheken etwa im Bereich der Leseförderung oder der Medienkompetenz eine immer wichtigere Rolle zu.“ In einer globalisierten Welt würden sie als Mittler von Sprache und Kultur unerlässlich. Unabhängig von sozialem Status oder Bildungshintergrund böten sie allen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zu Wissen und Information.

Ein anderer Megatrend der Gegenwart und nahen Zukunft ist der Wandel der Bibliothek zum Lernort für alle Generationen. „Gerade in den wissenschaftlichen Bibliotheken an den Hochschulen suchen die Nutzer diese ganz spezielle Atmosphäre“, weiß Werner. „Bibliotheken sind quasi halböffentliche Orte. Hier kann man im Stillen lernen oder in Gruppen arbeiten. Es gibt nicht nur Lektüre, sondern auch Beratung und Unterstützung.“ Dieses Setting finde man nirgendwo sonst.

Wissenschaftliche wie Öffentliche Bibliotheken müssten das künftig auch baulich noch stärker berücksichtigen. Man brauche abgeschirmte ruhige Bereiche ebenso wie offene, in denen auch das Mobiliar je nach Bedarf flexibel bewegt werden könne. „Die Bibliotheken der Zukunft sind individuelle Lernlandschaften“, glaubt Werner. Das gedruckte Buch verliere dabei zunehmend an Bedeutung. „Gerade in wissenschaftlichen Bibliotheken werden die Medien schon heute deutlich stärker in digitaler Form genutzt“, sagt Werner.

Dieser Wandel ist beispielsweise in den USA schon weiter vorangeschritten als in Deutschland. Das hat Olaf Eigenbrodt beobachtet. Er ist der Leiter der Hauptabteilung Benutzungsdienste und Baubeauftragter der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. „Die Freihandbestände dort werden kontinuierlich kleiner, weil immer mehr digital gelesen wird“, sagt er. „Und die freien Flächen werden dann immer öfter mit flexiblen Möbeln für die neuen Nutzungsgewohnheiten umgebaut.“ So könnten es sich die Besucher an verschiedenen Orten in den Bibliotheksräumen bequem machen und mit ihren Tablet-PCs im W-LAN-Netz der Bibliothek surfen.

„In den USA haben die Bibliotheken auch einen anderen Stellenwert als in Deutschland“, sagt Olaf Eigenbrodt. „Sie sind dort in ihrer Funktion als basale Einrichtungen eines demokratischen Gemeinwesens präsenter. Dass sie die Bürger dazu befähigen, an demokratischen Prozessen teilzunehmen ist anerkannter, und sie unterstützen die Bürger auch in vielen Lebenslagen.“ Als eine der wenigen öffentlichen Einrichtungen, die kostenlos genutzt werden könnten, verstünden die Besucher sie eher als ein Bürgerbüro. Es sei allen bekannt, dass man dort auch Hilfe für viele andere Angelegenheiten erhalte, etwa beim Schreiben einer Bewerbung. Viele solche Unterstützungen gibt es auch in deutschen Bibliotheken. „Doch den Bürgern ist das oft nicht bewusst. Das müssten die Bibliotheken hierzulande noch viel offensiver bekannt machen.“

Aber nicht nur jenseits des Atlantiks, auch unter den europäischen Nachbarn sind bibliothekarische Vorreiter. In Finnland beispielsweise gibt es ein nationales Bibliotheksgesetz, weiß Benjamin Blinten. Der Leiter der Sozialwissenschaftlichen Bibliothek und der Bibliothek des Osteuropa-Instituts an der Freien Universität Berlin sieht darin eine starke Säule des öffentlichen Lebens. „Die gesamtstaatliche Förderung des Bibliothekswesens hat ganz konkrete Vorteile.“ So seien die finanzielle Grundausstattung, die Pflichten und Funktionen klar geregelt. „Das fehlt in Deutschland noch“, meint Blinten. Hier haben lediglich drei Bundesländer entsprechende Gesetze.

„Ähnlich wie in den USA haben die Bibliotheken in Finnland auch bei den Bürgern ein anderes Standing“, sagt Blinten. „Nahezu jeder noch so kleine Ort hat dort eine Bibliothek und die Menschen nutzen sie für alle möglichen Belange.“ Sie seien als feste Säulen des Bildungssystems anerkannt und hätten auch keine Scheu, ihre Dienstleistungen auszuweiten. Die Stadtbibliothek Helsinki etwa produziert ein eigenes Radio-Programm, in dem auch Nutzer zu Wort kommen. Medien können dort nicht nur ausgeliehen, sondern mit Hilfe der umfangreichen technischen Ausstattung der Bibliothek auch selbst erstellt werden – sei es ein digitalisiertes Fotoalbum oder ein mit Leihinstrumenten eingespieltes Musikstück. Für Existenzgründer würden vielerorts Arbeitsplätze oder Konferenzräume in den Öffentlichen Bibliotheken angeboten. „Leitidee des Bibliothekswesens in Finnland ist die Frage, welche Bedürfnisse sie in ihrer Community decken können“, sagt Blinten.

Die Gesetzgebung hinkt der digitalen Welt hinterher

Klaus-Peter Böttger ist Direktor der Stadtbibliothek Essen und Präsident des europäischen Bibliotheksverbandes EBLIDA (European Bureau of Library, Information and Documentation Associations). Eine der wichtigsten Fragen, die seiner Meinung nach schnellstmöglich auf europäischer Ebene beantwortet werden muss, ist die nach den Ausleihbedingungen von E-Books in Öffentlichen Bibliotheken. „Die derzeitige Gesetzgebung hinkt hinter der digitalen Welt hinterher“, sagt er. „Wir brauchen dringend Lösungen für das Hier und Jetzt.“

Das Problem bei der Ausleihe von E-Books ist Folgendes: Anders als die Bereitstellung eines gedruckten Buchs gilt der Zugang zu einem E-Book über eine Bibliothek als Dienstleistung. Dazu müssen die Bibliotheken mit dem Rechteinhaber, also in der Regel dem Verlag, eine Lizenzvereinbarung treffen. Die Verlage fürchten, dass öffentlich ausleihbare E-Books ihrem Geschäft, der Vermietung von E-Books, schaden. Deshalb schränken sie die Rechte der Bibliotheken in den Verhandlungen über die Lizenzen oft stark ein. Sie nehmen zum Beispiel bestimmte Werke von der Ausleihe aus oder schreiben vor, wie oft ein E-Book von einer Bibliothek verliehen werden darf.

„Aber wir müssen am Markt der E-Books ebenso teilhaben wie an dem der gedruckten Bücher“, sagt Böttger. „Nur so können wir gewährleisten, dass alle Bürger ungehindert Zugang zu diesen Medien und dieser Information haben.“ Ansonsten werde die Welt geteilt in eine für diejenigen, die sich alle Informationen und Zugänge finanziell leisten könnten. Und in eine Welt für diejenigen, die sich mit einer musealen Ansammlung von physischen Werken begnügen müssten.

Die EBLIDA will deshalb mit dem Verband der europäischen Verlage faire Modelle für die Lizenzvergabe vereinbaren. „Letztendlich muss das dann in nationaler Gesetzgebung umgesetzt werden“, sagt Böttger. „Dazu werden wir einen langen Atem benötigen.“ Doch schließlich gehe es dabei um Kernaufgaben der Öffentlichen Bibliotheken, um den freien und kostenlosen Zugang zu Information, Bildung und Kultur. „Deshalb werden wir alles daran setzen, dies auch im digitalen Zeitalter zu gewährleisten“, sagt Böttger.

Die Herausforderungen der digitalen Welt sind deshalb auch auf dem IFLA-Kongress in Singapur intensiv diskutiert worden. „Allein für das Thema E-Books war ein kompletter Tag vorgesehen“, erzählt Barbara Lison, die Direktorin der Bremer Stadtbibliothek und Vorsitzende des deutschen IFLA-Nationalkomittees. „Die rechtlichen Grundlagen und Prinzipien für die elektronische Ausleihe sind ein Thema, das derzeit Bibliothekare in aller Welt in Atem hält.“

Andere große Trends, mit denen sich die Bibliotheken auseinandersetzen müssten, seien in dem neuen IFLA-Trend-Bericht zusammengefasst. „Darin geht es um fünf globale Trends, beispielsweise um Online-Bildung oder die Vernetzung über neue Medien“, sagt Lison. „Diese Trends bringen Kollisionen zum Ausdruck, also beispielsweise die Demokratisierungschancen, die Online-Bildung ermöglicht, aber auch die Zugangsbeschränkungen, die damit einhergehen.“ Damit wollen sich die Bibliothekare nun auf nationaler Ebene auseinandersetzen. Denn: „Aus Reibung entsteht Energie, also hoffen wir, dass das positive Energie für unsere Bibliotheken ist“, hofft Lison.

Weitere Informationen:

trends.ifla.org

Quellenangabe

Themendienst vom Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv), 17. September 2013
http://treffpunkt-bibliothek.de/presse/themendienst/