Bibliotheksarbeit mit Migranten oder Fremdsprachenlektorat? Ein Erfahrungsbericht aus der Stadtbibliothek Nürnberg
Die Stadt Nürnberg hatte Ende 2004 496.227 Einwohner/innen, davon waren 94.411 "Ausländer" (ohne deutsche Staatsangehörigkeit) aus über 150 verschiedenen Ländern. Die tatsächliche Zahl der Migranten lag jedoch um einiges höher: Allein seit 1989 sind ca. 42.700 Spätaussiedler (einschließlich ihrer Familienangehörigen) zugewandert. Ca. 40.000 Aussiedler hatten sich in den Nachkriegsjahren in Nürnberg niedergelassen. Einige Tausende "ehemalige Ausländer" haben sich in den letzten Jahren einbürgern lassen und sind in der Statistik nicht mehr erfasst. Nach Schätzungen ist ein Drittel der Nürnberger Bevölkerung nichtdeutscher Herkunft.
Vom "Gastarbeiter" zum "Nürnberger mit Migrationshintergrund"
Kommunale Integrationspolitik hat in Nürnberg eine lange Tradition: Ein erster Ausländerbeirat wurde bereits 1973 gewählt, der Aussiedlerbeirat 1984 eingerichtet. Ebenfalls 1984 verabschiedete der Stadtrat das erste "Ausländerprogramm der Stadt Nürnberg" als Teil des Rahmenplans "Sozialwesen". Zum Vergleich: Das Deutsche Bibliotheksinstitut veröffentlichte 1984 unter dem Titel "Ausländer in Öffentlichen Bibliotheken" ein Kompendium mit Arbeitshilfen. Dieses enthielt u.a. Länderinformationen über die Entsendeländer der so genannten "Gastarbeiter" und Übersetzungshilfen. In Nürnberg wurden damals die "Angebote für Ausländer" im ersten Ausländerprogramm und in den folgenden Fortschreibungen als Pflichtaufgabe der Stadtbibliothek - wozu Medienangebote und Veranstaltungen in den jeweiligen Heimatsprachen zählen - festgeschrieben.
1987 wurde der lang gehegte Wunsch der Stadtbibliothek, eine Sachbearbeiterstelle für den Bereich "Bibliotheksdienste für ausländische Mitbürger und ihre Familien" einrichten zu können, vom Stadtrat erfüllt. Fremdsprachige Literatur wurde zwar schon Ende der 1970er Jahre in das Angebot aufgenommen, die Beschaffung und Bearbeitung dieser Medien gestaltete sich jedoch schwierig. Die fremdsprachige Literatur wurde von den jeweiligen Fachlektoraten betreut, und man beschränkte sich notgedrungen weitestgehend auf die Angebote der ekz . Aus dem Aufgabenfeld waren die Beschaffung und Bearbeitung von Medien in englischer und französischer sowie osteuropäischen Sprachen ausdrücklich ausgenommen. Ende der 1980er Jahre war der Begriff der "Multikulturellen Gesellschaft" nur unter Insidern bekannt. Unter "Ausländern" verstand man diejenigen Menschen, die unter dem euphemistischen Begriff "Gastarbeiter" subsumiert werden konnten, und von denen man meinte, sie würden irgendwann einmal in ihre "Heimat" zurückkehren. Dieses änderte sich Anfang der 1990er Jahre: Der Zustrom von Menschen aus den osteuropäischen Ländern machten den gezielten Ausbau des Bestandes in Russisch, Polnisch und Rumänisch notwendig. Entsprechende Aktivitäten wurden ebenfalls unter die "Bibliotheksdienste für Ausländer" subsummiert.
Paradigmenwechsel in der Bibliothek
In den letzten eineinhalb Jahrzehnten hat sich ein Paradigmenwechsel vollzogen: Die muttersprachlichen Angebote und anderen Dienstleistungen für Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund nehmen ebenso wie die so genannten "Interkulturellen Angebote" erheblichen Raum ein. Der Wandel betraf die kommunale Integrationspolitik genauso wie die nationale Politik. Der Zuwanderungsbericht der Süßmuth-Kommission aus dem Jahr 2001 stieß eine öffentliche Debatte um Zuwanderung und Integration an. Der alljährliche Bericht zur Lage der Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland, erstellt von der ehemalig Ausländer-, jetzt Integrationsbeauftragten, nennt sich seit 2001 Migrationsbericht. Die Ausländerkomission des Nürnberger Stadtrates, seit 2002 Integrationskomission, unterscheidet nicht mehr länger zwischen "Ausländern" und "Aussiedlern"Die Integrationspolitik wird dabei als Querschnittsaufgabe aller kommunalen Bereiche begriffen, die nachhaltig von allen Referaten und Dienststellen der Stadt sowie den städtischen Unternehmen bei ihrer Arbeit berücksichtigt werden muss.
Bis zum Ende der 1990er Jahre wurden die fremdsprachigen Medienbestände erheblich ausgebaut. Wir haben uns dafür entschieden, diese in der Zentralbibliothek konzentriert auf einige Hauptsprachen anzubieten. Es gibt keine Bestände, die nicht mindestens ca. 200 Titel umfassen. Eine Ausnahme bildet hier einzig die Literatur in kurdischen Sprachen. Dieser Bestand erfüllt eher die politische Aufgabe des Zufriedenstellens einiger Muttersprachler, die ihre Sprache in der Bibliothek aus politischer Überzeugung präsent sehen wollen, auch wenn sie sie nicht lesen können. In den 1990er Jahren, als zahlreiche kurdische Flüchtlinge aus dem Irak nach Nürnberg kamen, wäre eine einschlägige Bezugsquelle für Bücher in Sorani-Kurdisch allerdings sehr hilfreich gewesen.
Aktuelle Bestände und Dienste
Heute präsentiert die Stadtbibliothek Medien in folgenden Sprachen: Englisch, Türkisch und Russisch in großer Zahl, gefolgt von Griechisch, Polnisch, Spanisch, Italienisch, Persisch, Arabisch, Sprachen des ehemaligen Jugoslawiens (der Einfachheit halber mit dem Etikett "Südslawische Sprachen" versehen), und in kleinerer Zahl in Portugiesisch, Albanisch, Rumänisch sowie Kurdisch. Die Zusammensetzung der Bestände hängt sehr von den jeweiligen Beschaffungsmöglichkeiten ab: Auf-, Ausbau und Pflege des kroatischen, bosnischen und serbischen Bestandes sind z.B. wesentlich schwieriger als die Beschaffung türkischer oder russischsprachiger Medien. Wird ein Bestand in einer bestimmten Sprache nicht gepflegt, sinken die Ausleihzahlen sehr schnell, d.h. nur aktuelle Bestände werden erwartungsgemäß regelmäßig frequentiert. Ein Pflichtangebot nach dem Motto: "Wir haben doch einige Bücher in ..."die seit Jahren im Regal stehen, schreckt Neukunden eher ab, als dass es sie für die Bibliothek einnimmt.
Das Internet bietet zudem Bibliotheksbesuchern, die in der Bibliothek keine muttersprachlichen Bestände finden, zumindest den Zugang zu Informationsquellen in ihrer Heimatsprache. Für die Möglichkeit der Online-Lektüre von Tageszeitungen und Zeitschriften kann z.B. durch entsprechende Linksammlungen und Informationsblätter an den PC-Arbeitsplätzen gezielt geworben werden.
Die annotierten Listen fremdsprachiger Literatur (LITFAS), die im Namen der "Kommission für Besondere Benutzergruppen" des Deutschen Bibliotheksinstitutes (DBI) herausgegeben wurden, halfen nicht nur der Stadtbibliothek Nürnberg beim Bestandaufbau. Auf Initiative der Kommission stellte einige Zeit lang Tarik Seden in Berlin Standing-Order-Lieferungen in türkischer Sprache zusammen. Und stetige Gespräche zwischen der Kommission und der ekz führten zu dem Ergebnis, dass die ekz zumindest in den großen Migrantensprachen ab und zu Angebotslisten erarbeitet. Mit dem DBI wurde leider die einzige Institution geschlossen, die sich der Diskussion und Reflektion des Themas Bibliotheksdienste für Ausländer/Multikulturelle Bibliotheksarbeit widmete und den einzelnen Bibliotheken konkrete Hilfestellungen bieten konnte. Corinna Carstensen stellte in ihrer Bestandsaufnahme zum Thema Multikulturelle Bibliotheksarbeit schon 1993 fest: "Auch das Fehlen eines zentralen Lektoratsdienstes für Bibliotheken mag eine der Ursachen dafür gewesen sein, dass von 1.025 Öffentlichen Bibliotheken, die die Deutsche Bibliotheksstatistik 1986 verzeichnete, nur 78 Bibliotheken, also nicht einmal 10 %, Service-Leistungen für ausländische Zielgruppen leisteten." Wichtiger Bestandteil der Arbeit der Kommission für Besondere Benutzergruppen war demnach, die Kolleginnen und Kollegen im Lande von der Notwendigkeit muttersprachlicher Angebote zu überzeugen und ihnen durch LITFAS und Fortbildungen konkrete Hilfe beim Bestandsaufbau anzubieten.
Der Einkauf fremdsprachiger Titel vor Ort ist in der Halb-Millionen-Stadt Nürnberg nur in russischer Sprache möglich. Die russischsprachige Bevölkerung in Deutschland hat innerhalb der letzten Jahre ein engmaschiges Netzwerk aufgebaut, russische Bücher gibt es in zahlreichen Supermärkten. Eine russische Versandbuchhandlung unterhält in Nürnberg ein großes Lager, in dem man neue Titel problemlos und mit fachkundiger Beratung aussuchen kann. Auswahl und Einkauf türkischer, polnischer, griechischer, italienischer, oder spanischer Titel laufen über die Internet-Buchhandlungen relativ problemlos, die Beschaffung von Medien in kroatisch/bosnischer oder auch kurdischer Sprache ist dagegen recht umständlich, da zur Zeit keine Buchhandlungen mit ausreichenden Angeboten auf dem deutschen Markt tätig sind. Gekauft werden, je nach Angebot: internationale Bestseller ("Illuminati" und "Sakrileg" gibt es sogar in Arabisch!), zeitgenössische Literatur aus den jeweiligen Ländern - hier besteht meines Erachtens der größte Beratungsbedarf -, populäre Sachliteratur aus den Themenbereichen Medizin, Geschichte, EDV u.a., zweisprachige Titel je nach Angebot, und natürlich jegliche Art von Deutschlernmaterialien. Der Bedarf ist je nach Sprache unterschiedlich: In der Stadtbibliothek leihen z.B. nicht nur die Mitglieder der nicht allzu großen italienischen und spanischen Community italienische bzw. spanische Medien aus, sondern auch zahlreiche Italienisch-Lernende. Die russisch-sprachigen Bibliothekskunden hätten am liebsten eine russische Universalbibliothek zur Verfügung, hier muss oft auf das weitaus größere deutschsprachige Angebot verwiesen werden. Beim Einkauf gestaltet sich die Marktsichtung auf den häufig nur fremdsprachig gestalteten Websites der Buchhandlungen manchmal schwierig, da weder auf derzeitige Bestseller oder Neuerscheinungen verwiesen wird, noch inhaltliche und bibliografische Angaben vorhanden sind. Und es ist nicht jedermanns Sache, eine Recherche in kyrillischer Schrift durchzuführen. Soweit ich weiß, haben etliche Bibliotheken auch nicht die Möglichkeit, Medien aus dem Ausland zu beziehen, weil sich die jeweiligen Stadtkassen nicht in der Lage sehen, derartige Rechnungen zu bezahlen, oder Medien über Privatpersonen zu erwerben. In Nürnberg unterliegen wir glücklicherweise diesen Beschränkungen nicht. Im Laufe der Zeit haben immer wieder Freunde und Bekannte Medien aus ihren Urlaubsländern zu günstigen Preisen mitgebracht. Ein Informationsaustausch zwischen einzelnen Bibliotheken hinsichtlich der Bedingungen und Möglichkeiten der privaten Medienbeschaffung und der Titelempfehlung etc., würde einige Schwierigkeiten bei der Beschaffung zu überwinden helfen.
Neben der Zentralbibliothek bieten zwei Stadtteilbibliotheken russisch- bzw. russisch- und türkischssprachige Medien an. Obwohl die Muttersprache oder Staatsangehörigkeit unserer Benutzer nicht erfasst werden, fällt bei einem kleinen Rundgang durchs Haus sofort auf, wie stark die Zentralbibliothek von Migranten genutzt wird. Wir schätzen den Migrantenanteil unter den Nutzern in der Zentralbibliothek auf ca. 30-35 %, was ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Der Einsatz sprachkompetenten Personals wirkt sich sofort aus: Muttersprachler dienen innerhalb kürzester Zeit als persönliche Ansprechpartner. In den letzten Jahren konnten einige Bibliotheksassistentinnen mit Russischkenntnissen eingestellt werden. Auch andere Muttersprachler werden, wenn auch meist nur über so genannte befristete Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, beschäftigt.
Die Nutzung der Bestände
Während erwachsene Migranten häufig, aber keinesfalls ausschließlich, die muttersprachlichen Angebote nutzen, leihen Kinder und Jugendliche gerne oft nur Medien in deutscher Sprache aus. Dies ist nicht verwunderlich, da deutsche Schulen eine muttersprachliche Alphabetisierung nur in Ausnahmefällen anbieten, so dass die hier aufwachsenden Kinder die Heimatsprache ihrer Familie häufig nicht lesen und schreiben können. Das Angebot an fremdsprachigen Bilder- und Vorlesebüchern wird dagegen sehr gut genutzt, da Eltern ihren Sprösslingen offensichtlich lieber in der eigenen Sprache vorlesen. Jugendliche Migranten fragen recht häufig nach Medien über die Heimat ihrer Vorfahren, sei es, weil Lehrer gerne derartige Referatsthemen vergeben, sei es, weil sich die Jugendlichen selber dafür interessieren.
Das dezentrale Bibliothekssystem in Nürnberg umfasst derzeit sechs Stadtteilbibliotheken, von denen drei unter großer Raumnot leiden und mit acht Öffnungsstunden in der Woche nur unzureichenden Service bieten können. Hinzu kommen eine kleine Kinder-Stadtteilbibliothek mit nur vier Öffnungsstunden pro Woche sowie zwei Bücherbusse. Je nach Umfeld der Bibliothek wird der Migrantenanteil an der meist minderjährigen Benutzerschaft auf bis zu 65 % geschätzt.
Mit der Einführung der Jahresausleihgebühr für Erwachsene von 12,- bzw. ermäßigt 6,- EUR im Jahre 2003 erlebten übrigens gerade die häufig von Migranten frequentierten Stadtteilbibliotheken einen Rückgang bei der Benutzerzahl. Bei zielgruppenorientierten Führungen durch die Zentralbibliothek kann man die Hürde, die die Benutzungsgebühr darstellt, deutlich erkennen: Hat sich noch vor einigen Jahren nach einer Führung türkischer Frauen durch die Bibliothek ein großer Teil von ihnen einen Bibliotheksausweis ausstellen lassen, so sagen heute etliche der Teilnehmerinnen, "sie wollen sich das noch mal überlegen..." Bibliotheksführungen mit Migrantengruppen, Teilnehmer/innen von Deutsch-als-Fremdsprache (DaF)-Kursen oder des Förderprogrammes Hippy usw. stellen eine der besten Möglichkeiten dar, Menschen für die Angebote der Bibliothek zu begeistern, wenn sie den Bedürfnissen der Gruppe angemessen durchgeführt werden. Es lohnt nicht, den Teilnehmer/innen eines DaF-Anfängerkurses die gesamte Bibliothek zu zeigen. Die Beschränkung auf einige attraktive Angebote, zugeschnitten auf die Zusammensetzung der Gruppe ist sinnvoll: Weiblichen Teilnehmern zeige ich z.B. außer den Deutschlernmaterialien gerne Kochbücher, Handarbeitsbücher und, wenn sie Kinder haben, die Lernhilfen und die Vorschul- und Vorlesebücher. Männer interessieren sich eher für EDV-Themen und/oder Kfz-Reparaturanleitungen. Und alle zeigen sich interessiert an den Verbraucherzeitschriften wie TEST. Eine kurze muttersprachliche (schriftliche) Information über die Organisation der Bibliothek ist ausreichend.
Durch die (zumindest zeitweilige) Präsenz in zahlreichen Arbeitskreisen zur interkulturellen Bildung, auf Projektbörsen etc. konnte die Bibliothek mit der Zeit einen relativ hohen Bekanntheitsgrad in der so genannten "Multikulti-Szene" erreichen, sodass Führungen gut nachgefragt werden.
Kooperation tut gut
Seit über 15 Jahren organisiert die Stadtbibliothek Nürnberg zielgruppenorientierte Veranstaltungen mit zweisprachigen Lesungen, Ausstellungen und Vorträgen. Wie auch die Bibliothekseinführung sind diese Veranstaltungen in das interkulturelle Netzwerk eingebettet, welches in den letzten drei Jahrzehnten entstand. Federführend bei der Organisation wirkt mit dem so genannten Inter-Kultur Büro eine Abteilung des Kulturamtes. Eine Datei einschlägiger Adressen versammelt die Kontaktdaten von Ansprechpartnern in den Vereinen und vermittelt Kontakte. Es gibt Arbeitskreise, in denen Kulturangebote für die türkisch- und russischsprachigen Bürger Nürnbergs koordiniert werden, um Terminüberschneidungen zu vermeiden. Der multikulturelle Kulturkalender „Kultur ohne Grenzen“ mit einem türkischen und ein russischen Veranstaltungsprogramm bewirbt zielgruppenorientiert einschlägige Termine. Diese Kooperation erspart der Bibliothek Arbeit und Geld.
In den letzten Jahren waren über 100 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt im Zeitungs-Café der Stadtbibliothek zu Gast: Z.B. veranstalteten wir schon Mitte der 1990er Jahre eine Lesung mit dem damals noch gänzlich unbekannten Orhan Pamuk in der Bibliothek. In zahlreichen Ausstellungen wurde auf Literatur und Kulturen anderer Länder hingewiesen – sei es die von der Bibliothek erstellte Präsentation des türkischen Dichters Nazým Hikmet oder die eingekaufte Leihausstellung Afrikanissimo. Bei innerstädtischen und überregionalen Gemeinschaftsprojekten, wie z.B. dem Großraumprojekt „Interlit“ oder dem „Russischen Winter“, war und ist die Bibliothek immer beteiligt. Die gute Vernetzung trägt Früchte: Wir können längst nicht alle der an uns herangetragenen Ideen und Projekte verwirklichen.
PISA und die Folgen
Der in den letzten Jahren vollzogene Paradigmenwechsel von der Ausländerpolitik hin zur Migrations- und Integrationspolitik wird meines Erachtens in der Bildungspolitik besonders deutlich. Die strukturelle Benachteiligung von Einwandererkindern durch das deutsche Bildungssystem wurde durch die Ergebnisse der PISA-Studie evident. Die sprachliche Förderung von Einwandererkindern im Kindergartenalter und Konzepte zur Unterstützung von Mehrsprachigkeit werden seit der PISA-Studie von allen Bundesländern geplant. Bibliotheken können hier wichtige Dienstleistungen anbieten: Mitte der 1990er Jahre stellte der Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V, eine Medienkiste mit Materialien zum Thema „Multikulturelle Erziehung“ zusammen. Diese Sammlung enthält zahlreiche praktische Hinweise zur Durchführung von interkulturellen Projekten in Kindergärten. Sie ist in zweifacher Ausführung und mehrfach aktualisiert seit fast zehn Jahren in der Stadtbibliothek Nürnberg ausleihbar. Der Buchmarkt bietet inzwischen zahlreiche Titel zum Thema „Interkulturelle Erziehung“ an, so dass die Stadtbibliothek Nürnberg im Winter 2004 eine weitere Medienkiste zum Thema „Sprachförderung und interkulturelle Erziehung im Kindergarten“ zusammenstellen konnte. Die Kinderbuchausstellung „Kannst du auch 'ne andere Sprache? – Mehrsprachige und interkulturelle Materialien zur Sprachförderung in Elternhaus, Kindergarten und Grundschule“, die im Februar 2005 entsprechende Bestände der Zentralbibliothek bewarb, war ein sehr gelungener Versuch, die interkulturellen Angebote der Stadtbibliothek bei Erzieher/innen und Grundschullehrer/innen stärker ins Bewusstsein zu rücken. In den letzten Jahren werden zwei- und mehrsprachige Bücher, Wörterbücher für Kinder usw. immer häufiger nachgefragt. Neben zahlreichen derartigen Medien präsentierte die Ausstellung die neuen „interkulturellen Medienkisten“. Die Kisten enthalten einige beliebte Bilderbücher in deutschen und fremdsprachigen Fassungen. So bietet eine Kiste z.B. den „Regenbogenfisch“ in deutscher, türkischer, italienischer und arabischer Sprache an. Aus England wurden die fremdsprachigen Exemplare für Medienkisten unter dem Motto „Eine Geschichte in vielen Sprachen“ importiert. Da die Erstsprache dieser Bücher Englisch ist, haben wir die deutschen Texte mit selbstklebender Klarsichtfolie in die Bücher eingeklebt. Ein zugegebenermaßen sehr aufwendiges Verfahren, welches aber durch den Erfolg gerechtfertigt wird. Eine Kiste enthält jeweils bis zu 40 Exemplare der einzelnen Buchtitel. Dazu kommen kurze Begleitbriefe an die Eltern, die dazu aufgefordert werden, ihrem Kind das Buch vorzulesen. Die Bücher aus den Kisten werden über die Erzieherinnen an die Kinder bzw. ihre Eltern ausgeliehen. Über die Kindertageseinrichtungen erreicht die Stadtbibliothek so auch leseferne Familien. Die fremdsprachigen Fassungen der Bücher animieren (hoffentlich) auch Eltern ohne gute Deutschkenntnisse zum Vorlesen. Zwei weitere Medienkisten, die je zehn deutsche, russisch-deutsche und türkisch-deutsche Bildwörterbücher enthalten, stehen im Rahmen des Modellprojektes „Spielend Lernen in Familie und Stadtteil“ in zwei Stadtteilbibliotheken auf Abruf für Kindertagesstätten und -gärten bereit. Das Projekt wurde in Absprache mit dem Bundesamt zur Anerkennung ausländischer Flüchtlinge (BAMF) entwickelt. Es wendet sich an sozial benachteiligte Familien, vorwiegend mit Migrationshintergrund, mit Kindern im Alter von 0 bis 11 Jahren.
In der Zentralbibliothek und den Stadtteilbibliotheken wurde ein neuer Bibliotheksbereich eingerichtet. Unter dem Signaturzusatz „Deutsch lernen“ und dem gleichnamigen Interessenkreis sind jetzt alle einschlägigen Medien im Bereich Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache (Daf/DaZ) für Kinder und etliche Medien zur mehrsprachigen interkulturellen Arbeit in Kindertagesstätten am gleichnamigen Standort versammelt.
Diese Form der Aufstellung hatte noch einen anderen, nach innen wirkenden Effekt: Durch Mitarbeiterführungen konnte auch in der Belegschaft eine neue Sensibilität für das Thema Multikulturelle Bibliotheksarbeit geweckt werden. Eine Inhouse-Fortbildung mit Katrin Sauermann brachte vielen Kolleginnen und Kollegen neue Impulse.
Und in Zukunft?
Es tut sich was: Im Sommer 2006 berief der Deutsche Bibliotheksverband eine neue Expertengruppe „Interkulturelle Bibliotheksarbeit“. Die Mitglieder bestimmten auf ihrer konstituierenden Sitzung die Verankerung der interkulturellen Bibliotheksarbeit als integralen Bestandteil bibliothekarischer Alltagsarbeit in Deutschland als oberstes Ziel. Angestrebt wird, „Intercultural mainstreaming“ als Querschnittsaufgabe in allen Bereichen, vom Bestandsaufbau bis zur Personalpolitik, zu verankern. Die Diskussion um Bibliotheksangebote in der Einwanderungsgesellschaft ist in den deutschen Bibliotheken ein Stück weit voran gekommen. Der Aufbau des Internetforums „OeB_Multikulturell“ und der dazugehörigen Mailingliste waren „Meilensteine“ auf dem Weg zu einer besseren Vernetzung. Ausgetauscht werden Medien- und Veranstaltungstipps, Beschaffungswege usw. Das Forum lebt natürlich von den Beiträgen der einzelnen Mitglieder.
In der Stadtbibliothek Nürnberg werden die multikulturellen Serviceleistungen sicherlich aktuell bleiben. In der voraussichtlich Ende 2009 wieder zu eröffnenden und um- und ausgebauten neuen Zentralbibliothek wird fremdsprachige Literatur erstmals in angemessenen Räumlichkeiten präsentiert. Wir diskutieren zurzeit, ob es sinnvoll ist, die fremdsprachigen Kindermedien nicht mehr in der Kinderbibliothek, sondern zusammen mit den fremdsprachigen Medien für Erwachsene zu präsentieren. Dafür spricht, dass erfahrungsgemäß die Eltern muttersprachliche Medien für ihre Kinder ausleihen und ein gewisser Werbeeffekt für die muttersprachliche Bildung zu erwarten wäre. Auf der anderen Seite könnte eine derartige Aufstellung Kinder und Eltern aus der Kinderbibliothek fernhalten, was natürlich nicht zu begrüßen wäre.
Die Renovierung der Zentralbibliothek wird die räumliche Trennung zwischen Lektorat und Benutzungsdienst aufheben. Bisher liegen zehn Minuten Fußweg zwischen Verwaltungsgebäude und Zentralbibliothek. Mit der räumlichen Zusammenführung wird auf alle Fälle die Kluft zwischen „Theorie der multi-kulturellen Bibliotheksarbeit“ im Lektorat und „Praxis“ im Auskunftsdienst ein Stück kleiner werden.
Und in Zukunft wird die Stadtbibliothek Nürnberg Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste (FAMI) ausbilden. Bisher konnten Bewerbungen von Jugendlichen mit nichtdeutscher Muttersprache nicht berücksichtigt werden, da in Bayern Bibliotheksassistent/innen im Beamtenverhältnis auf Zeit ausgebildet werden, wobei die deutsche Staatsangehörigkeit Pflicht ist. Die „Leitlinien zur Integrationspolitik“ sprechen sich eindeutig dafür aus, einer verstärkte Integration von Migranten in den Dienststellen der Stadt Nürnberg eine Chance einzuräumen. An dieser Stelle eröffnet sich nun die Möglichkeit, dieses Anliegen bei der Auswahl der beiden Auszubildenden für die Stadtbibliothek in die Tat umzusetzen.
